Individuelle Reise durch Eritrea

2024/2025 von Rainer Mautz

Kann man in Eritrea frei reisen?

Ja. Das wäre die kurze Antwort. Einige unerwartbare Einschränkungen und Hürden gibt es allerdings, auf die ich hier später noch eingehen werde.

Meine Frau und ich waren über Sylvester 2024-2025 für eine Woche privat ohne Reisegruppe und auch ohne Begleitung in Eritrea unterwegs. Nach dieser Reise können wir mit vollem Herzen sagen, dass sich diese Reise für uns gelohnt hat. Noch nie haben wir auf einer unserer Reisen täglich so viele interessante Bilder aufgenommen wie in Eritrea. Im Gegensatz zu den Nachbarländern lassen sich die Leute gerne fotografieren. Die Menschen sind ausserordentlich freundlich zu uns, jedoch nicht aufdringlich. In jedem anderen Land in Afrika haben wir uns ständig Gedanken über die Sicherheit machen müssen, was anstrengend ist und oft mit Einschränkungen verbunden ist. Nicht so in Eritrea, wo wir das Gefühl von Sicherheit hatten, selbst wenn wir nachts zu Fuss in den Städten unterwegs waren. Auch das Klima ist wunderbar, insbesondere im Winter, wenn fast jeder Tag wolkenlos ist. Ein Grossteil des Landes liegt auf über 2000 m Höhe, sodass die Nächte recht kühl werden und man sogar eine Jacke braucht. Tagsüber ist es gerade angenehm, bei 24 Grad Celsius im T-Shirt herumzulaufen. Schon in Asmara landet man auf knapp 2400 m Höhe, welche man sofort an der kühlen Luft bzw. an der fehlenden Luft beim Treppensteigen spürt. Die Landschaften sind vielfältig und reichen zwischen ebenem Hochland und zerklüftetem Gebirge bis zu dem heissen Flachland am Roten Meer. Die Vegetation wechselt zwischen dichten Wäldern am steilen Abbruch, den Steppen im Hochland und dem wüstenhaften Küstenstreifen. Wenn man im Land reist, fällt auch die Vielfalt der Menschen auf. Offiziell leben in Eritrea neun verschiedene Völker mit eigenen Sprachen und kulturellen Gewohnheiten. Knapp die Hälfte der Menschen sind orthodoxe oder katholische Christen, die übrigen Muslime. Die Bandbreite an Freizügigkeit bei Frauen ist maximal und reicht vom Schador bis zum sexy Minirock. Zumindest nach unserem bescheidenen Einblick schien diese Diversität im Land gut gelebt zu werden.

Eritrea wird oft als das Nordkorea von Afrika bezeichnet. Einige Aspekte mögen bei dem Vergleich wohl zutreffen, andere wiederum überhaupt nicht. Freies Reisen ist in Nordkorea nicht möglich, weshalb wir dort auch noch nicht waren. Unsere Erfahrungen mit Führern waren weitgehend negativ für uns. Die Informationsdichte einer geführten Reise mag wohl höher sein, aber gerade dann, wenn alles direkt ohne eigenes Zutun präsentiert wird, ohne dass man sich darum selbst kümmern muss, bleibt die Erinnerung weniger fest haften und die Eindrücke sind weniger tief als wenn man sich die Reise selbst erarbeitet hat. Auch für Eritrea wollten wir die Reise komplett selbst organisieren.

Schon bei der vorgängigen Internet-Recherche viel uns auf, dass es ungewöhnlich wenig Informationen zu über Eritrea zu geben scheint und selbst diese spärlichen Informationen war veraltet und obendrein noch widersprüchlich. Trotz intensiver vorab Recherche kann ich jetzt sagen, dass wir hätten besser noch genauer hinschauen sollen. Aufgrund unseres unzureichenden Wissens bei Abreise war es schieres Glück, dass uns diese Privatreise gelang. Ich hoffe, dass die folgenden Informationen zukünftigen Reisenden helfen, ihre Eritreareise besser vorbereitet durchzuführen zu können.

Im Dorf Halib Mentel bei Keren
Kinder in Sonntagskleidung

Visum

Hier sind die Widersprüche besonders gross und ich kann lediglich unsere eigene Erfahrung weitergeben. Schon ein Jahr zuvor versuchten wir die Eritreischen Konsulate in Berlin, Frankfurt und Genf zu erreichen, leider vergeblich. Weder per Telefon noch per Email gelang uns die Kontaktaufnahme. Da es uns zu heikel war, die Unterlagen inklusive Reisepässe zu versenden, liessen wir es erstmal auf sich beruhen.

Im Folgejahr blieb die Kontaktaufnahme mit den Konsulaten weiterhin erfolglos. Dieses Mal nahmen wir eines der Angebote im Internet zur Visumeinholung bei einem sogenannten Visacenter in Anspruch. Wir schickten alle Unterlagen und bezahlen den Service. Jedoch bekamen wir 2 Wochen später die Rückmeldung, dass das Unternehmen leider nicht in der Lage ist, ein Visum für Eritrea einzuholen und dass die Rückerstattung der Gebühren erfolgen wird.

In Genf bietet das Konsulat Termine zur Konsultation an, welche Hauptsächlich für Eritreer genutzt werden, die ihre Pässe verlängern müssen. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, dort zwecks Visaangelegenheiten vorzusprechen. Wir buchten den nächsten freien Termin, der in 2 Wochen stattfinden sollte. Meine Frau fuhr an diesem Tag die 4 Stunden nach Genf und wartete dort nochmals 2 Stunden, um dann alle Formulare, die wir schon bei der Online-Buchung ausgefüllt hatten, nochmals auszufüllen. Mit weiteren Aufrufen folgten die Gebührenzahlung und ein Interview. Den Flug sollten wir noch nicht buchen, sondern deren Bestätigung innerhalb von 4 Tagen abwarten. Als wir nach 2 Wochen noch nichts vom Konsulat gehört hatten, wurden wir unruhig. Unsere Reisepässe waren ja noch dort. Jetzt versuchten wir erneut die Kontaktaufnahme per Telefon, was nach mehreren Anrufen per Dauerklingeln tatsächlich gelang. Dort sagte man uns, dass die Visa ausgestellt werden können und am nächsten Tag lagen unsere Pässe inklusive Eritreischen Visum bei unserem Postamt bereit. Ein anderer Reisender hatte uns berichtet, dass seine Visaeinholung bei Ankunft am Flughafen in Asmara möglich war. Jedoch hatte er vorgängig durch sein Reisebüro die dafür notwendigen Papiere erhalten.

Der Flug nach Asmara kann bequem mit Turkish Airlines mit Umstieg in Istanbul gebucht werden. Sinnvolle Alternativen von Mitteleuropa aus gibt es keine.

Einholung der Genehmigung für eine Überlandreise

Wir wussten von der Internetseite des Eritreischen Ministry of Tourism, dass nur die Hauptstadt Asmara selbst ohne weitere Reisegenehmigungen besucht werden kann. Vier weitere Städte im Radius von 100 km um die Hauptstadt können nach Einholung einer Genehmigung besucht werden. Die vier Orte sind Dekemhare und Mendefera im Süden, die zweitgrösste Stadt Keren im Nordwesten und die Küstenstadt Massaua im Osten. Sie zusammen bieten schon einen guten Überblick über die Vielfalt des Landes. Dazu gibt es noch einige Archäologische Stätte, die mit Führer besucht werden können. Der Rest des Landes bleibt für Touristen verschlossen.

Zur Einholung der Reisegenehmigungen begraben wir uns sofort nach Ankunft in Asmara zu dem Ministerium für Tourismus. Diese Genehmigungen lassen sich nicht im Voraus per Internet organisieren. Der Prozess ist eigentlich vor Ort einfach und scheint aktuell immer zu funktionieren. Die Gebühren von 200 Nakfa sind gering. Die Wartezeit für die Genehmigungen beträgt ein paar Stunden und das Reisepapier ist spätestens am Folgetag erhältlich. Wir hatten geplant, diese vier Städte zu Fuss zu erwandern und teilweise auch den öffentlichen Verkehr in Anspruch zu nehmen.

Jedoch erwartete uns eine Überraschung: das Reisen mit dem öffentlichen Verkehr ist für Touristen in Eritrea untersagt. Auch zu Fuss dürfen diese Orte nicht erwandert werden. Ich fragte, ob es denn mit dem Fahrrad möglich sei, denn in Eritrea ist das Fahrradfahren Nationalsport und auch die täglichen Wege werden überwiegend mit dem Fahrrad gemeistert. Man sagte uns, dass man über Land nur mit dem Auto unterwegs reisen darf. Fast alle Touristen nehmen deshalb eine organisierte Tour oder ein Taxi mit Fahrer, der dann auch gleichzeitig als Führer und Begleiter dient. Ein Leihwagen zu nehmen und selbst zu fahren sei jedoch auch möglich! Zum Glück hatte ich meinen Führerschein mitgenommen. Ich hatte nämlich nicht damit gerechnet, einen solchen auf dieser Reise zu brauchen. Allerdings seien ausländische Führerscheine sowie der internationale Führerschein nicht gültig. Um in Eritrea ein Auto zu steuern, ist ein eritreischer Führerschein notwendig. Beim eritreischen Verkehrsministerium kann ein temporärer eritreischer Führerschein für 6 Monate ausgestellt werden. Erst wenn der Führerschein und das Nummernschild des Leihwagens vorgelegt werden, kann der Antrag auf Reisegenehmigung eingereicht werden. Dieser grosse administrative Aufwand lag nun vor uns. Zusätzlich war noch Freitag, und die Behörden würden über das Wochenende und das darauffolgende Neujahr schliessen. All das schreckte uns aber nicht ab, sondern wir begannen sofort die Behördengänge anzugehen. Wir betrachten sie auch als einen interessanten Teil der Reise.

So liefen wir die 3 km in den südlichsten Teil der Stadt, wo sich das Ministerium für Verkehr befand. Am richtigen Schalter angekommen, sagte man uns, dass heute (Freitag, der 27.12. 2024) keine Führerscheine mehr ausgestellt werden können. Wir sollten am 2. Januar (also in einer Woche) wiederkommen. Das Ministerium hätte jetzt Neujahrsferien. So leicht liessen wir uns aber nicht abspeisen und verlangten, den Chef des Ministeriums sprechen zu können. Nach einer kleinen Wartezeit von einer halben Stunde kam dieser und wiederholte, dass eine Ausstellung vor dem Neujahr unmöglich sei. Wir erklärten unsere Situation und er erklärte uns wiederum, dass der betreffende Mitarbeiter den Führerschein heute nicht ausstellen könne und wir nach Neujahr wiederkommen sollten. Wir machten jedoch deutlich, dass wir am 2. Januar schon wieder abreisen würden, dass es also für uns sinnlos wäre, so lange zu warten. Als wir schon aufgeben wollten, bemerken wir, dass er langsam weich wurde. Wir sollten warten. Plötzlich ging es doch, wir zahlten 500 Nakfa (33$ US). Ich gab mein Passbild ab, welches ich zum Glück dabei und nach einer halben Stunde hatten wir den begehrten, temporären, eritreischen Führerschein. Eine Quittung könne jedoch nicht ausgestellt werden. Der Vorteil von einem solchen Land ist es, dass alles irgendwie doch verhandelbar ist.

Temporärer Eritreischer Führerschein

Leihwagen in Eritrea

Jetzt dachten wir, dass die grösste Hürde überwunden wäre. Lediglich mussten wir jetzt noch zu einer Autovermietung, um dort einen kleinen PKW auszuleihen. Allerdings hatte die erste Leihwagenvermietung kein Auto zur Verfügung und auch die zweite nicht. Sie fragten auch erst gar nicht für welchen Zeitraum wir denn den Wagen ausleihen wollten. Es schien, als hätten sie gar kein Interesse. Man bot uns allerdings immer einen Geländewagen mit Fahrer an. Dieser wäre dann aber mit 2200 Nakfa pro Tag mehr als doppelt so teuer und würde aus unserer Sicht einer geführten Reise gleichkommen.


Es war schon Freitagnachmittag um 17:00 Uhr, als wir die Hoffnung auf einen Leihwagen schon aufgegeben hatten. Jedoch sagte man uns, es gebe noch eine weitere Autovermietung, namens Globe Rent Car, wo wir doch noch fündig wurden. Nachdem wir 5000 Nakfa für fünf Tage bezahlt hatten, bekamen wir die Nummer des Fahrzeugs. Mit dieser Nummer rannte ich schnell zum Ministerium für Tourismus und konnte jetzt noch den Antrag für Reisegenehmigung abgeben, bevor das Büro um 18 Uhr schloss.


Am Samstag konnten wir dann das Auto abholen. Es war ein Privatauto. Die Leihwagenfirma macht nichts anderes als die Vermittlung von Privatautos. Und als letztes holten wir dann noch die Reisegenehmigung ab. Wir liessen diese persönlichen Reisegenehmigungen jeweils fünf Mal kopieren, denn wir hatten gehört, dass die Wegkontrollen diese einbehalten.


24 Stunden nach Ankunft hatten wir alles zusammen, um unsere Privatreise durch Eritrea zu starten.

Der Geldverkehr in Eritrea

Wir hätten die 2200 Nakfa pro Tag für einen Geländewagen mit obligatorischem Fahrer gar nicht bezahlen können, denn, und jetzt kommt die zweite grosse Einschränkung: das Land hat ausschliesslich Bargeldverkehr. Weiteres Bargeld mit Kreditkarte abzuheben oder irgendwo mit Karte zu bezahlen besteht nicht. Wir fragten zwar bei der Hauptbank in Asmara, ob es möglich sei, weiteres Geld per Anweisung an uns zu übermitteln. Jedoch wäre dies nur mit einer speziellen App möglich, die vorgängig im Internet heruntergeladen werden müsste. Und jetzt kommen wir zur dritten grossen Einschränkung, die uns überrascht hat.

Internet in Eritrea

Wir wussten zwar, dass das Internet in Eritrea eingeschränkt ist. Jedoch hatten wir nicht damit gerechnet, dass es quasi überhaupt kein Internet gibt. Die Leute vor Ort haben untereinander schon die Möglichkeit, per Netz zu kommunizieren. Der Kontakt nach aussen bleibt jedoch verschlossen. Internationale Webseiten können nicht aufgerufen werden. Zusätzlich ist das Netz künstlich extrem verlangsamt, so langsam, dass es einer kompletten Zensur gleichkommt. Trotzdem gingen wir zu einem Internetcafé und versuchten dort, online zu gehen. Kurioser Weise gelang es mir, die Google suchen zu betätigen. Die Google-Suche ist als einzige Webseite freigegeben. Nachfolgende Links zu Webseiten konnte ich allerdings nicht aufrufen. Alle weiteren Kontaktmöglichkeiten ins Ausland gibt es weder per Telefon noch per WhatsApp oder anderen Social Media. Auch E-Mails konnte ich weder senden noch empfangen. Interessanterweise konnte jedoch ein einziger E-Mail-Account meiner Frau senden und empfangen, so dass wir zumindest der Familie Bescheid geben konnten, dass bei uns alles in Ordnung ist. In der heutigen Zeit machen sich gute Freunde schon Sorgen, wenn ein paar Tage ungewöhnliche Funkstelle besteht. Mit dieser starken Einschränkung hatten wir wirklich nicht gerechnet. Wir fühlten uns in die Zeit vor dem Internet zurückversetzt. Alle Botengänge waren jetzt nur noch persönlich möglich. Zum Glück hatten wir vorgängig Google-Maps sowie die OpenStreetMap Landkarte von Eritrea heruntergeladen. Information zu beschaffen war jetzt eine schwierige Aufgabe. Möglicherweise ist es möglich, per VPN einen Zugang ins Ausland zu bekommen. Uns gelang es jedoch nicht und wir hatten auch von niemandem gehört, der auf diese Möglichkeit erfolgreich zurückgreifen konnte.

Autofahren Eritrea

Noch nie bin ich so relaxed mit dem Auto gefahren wie in Eritrea. Das liegt einfach daran, dass die Leute nicht ungeduldig sind. Fussgänger haben stets Vorrang und schlendern sogar seelenruhig quer über die grossen Kreisel. Die wenigen Autos fahren in Schrittgeschwindigkeit durch die Ortschaften. Auch auf der Landstrasse wird ungewöhnlich langsam gefahren. Ohnehin ist das schnelle Fahren wegen der plötzlich auftretenden beliebig tiefen Schlaglöcher nicht ratsam. Ausserdem teilen sich die Autofahrer die Strasse mit den vielen Fahrradfahrern, Fussgängern, Gespannen, liegengebliebenen LKWs, Schafen, Ziegen und Kamelen. Rechnet man für 100 km etwa drei Stunden Fahrtzeit ein zuzüglich einer Stunde für Unvorhergesehenes, so erlebt man eine stressfreie Überlandfahrt.

Die Kontrollposten gibt es tatsächlich überall im Land. Auf unseren insgesamt 500 km passierten wir etwa 15 Kontrollposten. Ein solcher Posten besteht aus einem einfachen Häuschen und einer gespannten Schnur. An 14 solcher Posten wurde die Schnur sofort heruntergelassen und wir wurden unkontrolliert durchgewunken. Nur bei dem Kontrollposten in Keren gaben wir jeweils eine Kopie unserer Reisegenehmigungen ab. Auch einige Hotels verlangten diese Reisegenehmigungen.

Die wenigen öffentlichen Busse waren völlig überfüllt und es bestand offensichtlich weiterer Bedarf an Transport, denn an den Strassen standen viele Menschen, die von uns mitgenommen werden wollten. Da wir ja die Rückbank frei hatten, begannen wir die Anhalter mitzunehmen. Sie alle waren sehr dankbar und es machte uns zunehmend Freude, den Menschen ein wenig zu helfen. Die dafür übliche Bezahlung lehnten wir selbstverständlich ab. Einmal sassen sogar fünf Leute auf der Rückbank! Einen Anhalter mit Ziegenbock an der Leine nahmen wir jedoch nicht mit.
Die Bergstrassen sind in vielen Kurven und Serpentinen angelegt. Im Gegensatz zur Schweiz fehlen jedoch meist die aussenseitigen Leitplanken. Auf einer solchen Strasse (der Strasse zwischen Asmara und Massaua, die 2400 Höhenmeter überwindet) hatte es vor uns einen grossen Unfall mit LKW Totalschaden gegeben. Die Strasse war für 2 Stunden blockiert. Allerdings hatten wir gar keine Verzögerung, weil wir ohnehin gerade dabei waren, eine kleine Wanderung bei spektakulärer Aussicht zu unternehmen.

Parkplatz in Asmara
Kamel Karavane auf dem Weg nach Keren
Unfall auf der Passtrasse nach Massaua
Nebenstrasse bei 15°Nord und 39° Ost
Überwachsener LKW in Mendefara
Strassenschilder, die bei uns unüblich geworden sind
Haus ist hier nicht erlaubt

Wandern in Eritrea

Eigentlich sind wir passionierte Wanderer und fanden es schade, unserem ursprünglichen Plan, Eritrea zu Fuss zu erwandern, nicht folgen zu können. Jedoch konnten wir mit dem Auto überall anhalten und ausgedehnte Wanderungen unternehmen. Auch den Konfluenz-Punkt 15°N, 39°E, der 8 km abseits der Strasse lag, konnte ich erfolgreich erreichen. Überall gibt es kleine Fusspfade, die auch im Datensatz von OpenStreetMap enthalten sind. In einigen Gegenden mit spärlicher Vegetation lässt es sich auch einfach querfeldein laufen. In der Nähe von Keren stürzten Raubvögel zwei Mal auf meinen Kopf, indem sie sich unbemerkt von hinten annäherten. Zum Glück hatte ich eine Kappe auf, denn sie trafen mich wirklich hart von oben. In einem Slam im Aussenbezirk von Keren waren die Kinder so dermassen begeistert von mir, dass sie sogar mit kleinen Steinen auf mich warfen. Und einmal am Strand nördlich von Massaua tauchte plötzlich ein mit Maschinenpistole bewaffneter Soldat vor uns auf, der sich nicht richtig erklären konnte, aus welcher Richtung wir gekommen waren. Der nicht gerade gebildet wirkende Mann schien das Konzept von Tourismus nicht zu kennen. Er hatte wohl die Aufgabe, ein Objekt zu bewachen, das wie eine Villa aussah. Und da wir an ihr vorbeigegangen waren, war ihm die Sache irgendwie suspekt. Wir verhielten uns ruhig. Für circa 5 Minuten waren wir Gefangene von ihm. Er holte Verstärkung, aber diese konnte mit etwas mehr Lebenserfahrung aufklären, dass wir ungefährliche Touristen sein mussten und wurden daraufhin freigelassen. Fünf Minuten später waren wir am grossen Strand von Gurgusum, wo sich Eritreer zum Neujahrstag zu tausenden im warmen Wasser des Roten Meeres tummelten.

Trekking im Hochland südlich von Asmara
Eritreische Orthodoxe beim Damm Mai Measlam
In den Bergen zwischen Keren und Adi Tekelezan
Karavane für Feuerholz
Halib Mentel

Speisen

Wer in Äthiopien gerne Injera gegessen hat, wird auch in Eritrea auf seine Kosten kommen. Auf diesem weichen Fladenbrot aus der Zwerghirse Teff werden verschiedene vegetarische Gerichte sowie solche aus Fleisch und Fisch serviert. In muslimischen Restaurants hatten wir „Ful“ (Bohnenpaste) und „Check-Check“ (Ei, Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln. Das Asmara-Bier wurde trotz Stromausfällen stets kalt serviert.

Der Author mit Ful und Salat in Keren
Injera mit Lamm, Kartoffeln, Spinat und Linsen
Injera mit Vegetarischen Toppings

Unterkünfte

Am meisten Freude wird man bei der Reise haben, wenn man während des Aufenthaltes in Eritrea einmal die Suche nach einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis ausser Acht lässt. Ausserhalb der Stadt sind die Unterkünfte vernachlässigt. Teilweise ist wirklich alles im Zimmer kaputt und Improvisation ist gefragt. Es lohnt sich auf jeden Fall, bei der Rezeption gleich nach mehreren Zimmern zum Anschauen zu bitten, sodass man sich für das kleinere Übel entscheiden kann.

Asmara

Obwohl die Stadt über 600,000 Einwohner haben soll, fanden wir alles fussläufig vor. Allerdings macht es uns auch nichts aus, mal 5 km quer durch die Stadt zu laufen. Interessant ist ein alter Auto- und Panzerfriedhof. Auch für dessen Besuch ist eine Genehmigung notwendig, welche aber ohne weitere Unterlagen bei dem Ministerium für Tourismus eingeholt werden kann. Im Nationalmuseum zogen uns weniger dessen Exponate an als das antiquarisch geführte Museum selbst. Wegen des geringen Autoverkehrs ist die Stadt ruhig und angenehm zu Fuss zu erkunden. 2 Tage reichten uns dafür aus.

Autofriedhof
Eritreische Orthodoxe Kathedrale Nda Mariam
Eingang von Nda Mariam

Dekemhare

Dieser Ort gleicht eher einem grossen Dorf mit Staubstrassen und Lehmhütten. Wir hatten Glück, dass dort gerade Markttag (Samstag) war, sodass wir das farbenfrohe Treiben in Ruhe beobachten konnten.

Mendefera

Dieses kleine Städtchen besuchten wir mit Übernachtung an einem Wochenende. Tief in der Nacht begann die Messe und fast unheimlich tönte ein Chor durch die nächtliche Stadt. Als ich am Sonntagmorgen früh bei Sonnenaufgang zur Kirche hinaufstieg, kamen mir die Gläubigen von ihrem Kirchgang entgegen. Auch gab es ein Fahrradrennen, welches auf der Hauptstrasse auf einem 1 km langen Strassenabschnitt stattfand. Dort fuhren die schick gekleideten Rennradfahrer einige 100 Male hin und her.

Start des Sonntagsrennen in Mendefera
Erste Runde
Sonntag Morgen nach dem Gottesdienst
Nach dem Gottesdienst in Mendefara

Keren

Die 100 km lange Strasse von Asmara nach Keren bot die meisten Schlaglöcher an, wodurch jegliches Aufkommen von Langweile während der Fahrt vermieden werden konnte. Die lange Fahrt dorthin unterbrachen wir auf dem Hin- und auf dem Rückweg durch Wanderungen durch Dörfer entlang der Strecke. Die traditionellen Rundhäuser aus Lehm und Strohdächern bieten nicht nur eine angenehme Kühle für die Bewohner, sondern auch eine reizende Fotokulisse. Auch hier hatten wir das Glück, zufällig an einem Montag in der Stadt zu sein, denn an diesem Wochentag findet der grosse Tiermarkt statt, an dem tausende von Ziegen, Schafen, Kühen und vor allem von Kamelen den Besitzer wechseln. Es ist jedoch nicht ganz ungefährlich, zwischen den ausschlagen Stieren umherzulaufen. Die Händler sind voll damit beschäftigt, ihre Tiere im Zaum zu halten und mit den potentiellen Kunden zu verhandeln. Fotografierende Touristen stören dabei überhaupt nicht.

Keren
Typische Strasse in Keren
Kamelmarkt in Keren
Kamelmarkt in Keren
Babykamel auf dem Markt
Tiermarkt in Keren
Auf dem Tiermarkt in Keren
Heiliger Baobab Mariam Dearit
Tukan im Heiligen Baobab

Massawa

Das 2400 m unterhalb von Asmara gelegene Städtchen am Rotem Meer hat auf uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die osmanische Altstadt gleicht einer Ruinenstadt. In den gefährlich baufälligen, türkischen Herrschaftshäusern leben tatsächlich noch Menschen. Als wir am Neujahrstag durch die Trümmerlandschaft liefen, fanden wir die übernächtigten Partygänger dort noch am Feiern. Es schien uns so, als würde hier die Zeit rückwärts verlaufen. Gekocht wird auf Feldküchen vor den Gebäuden und das Wasser wird mit Eimern aus Löchern geholt. Ein Hotel mit Warmwasser wird man in Massaua vergeblich suchen. Aber ohnehin ist wegen des heissen Klimas eine kühle Dusche ausreichend.

Leben in dern Ruinen in der Altstadt von Massaua
Massaua Neustadt
Wasserholen auf einem Dreckloch
Leben in Ruinen
Ossmanische Altstadt von Massaua
Trümmer liegen auf der Strasse als wäre hier Krieg
Gurgusum-Strand 10 km nördlich von Massaua
Modernes Leben am Strand von Massaua
Altes Fischerboot

Unser Fazit

Eritrea ist ein wunderbares Land zum Reisen, allein schon wegen der freundlichen, hilfsbereiten Menschen. In der Schule wird der Schulunterricht ab der sechsten Klasse auf Englisch abgehalten, weshalb die meisten jungen Leute etwas Englisch sprechen. So erfuhren wir allerhand aus erster Hand, auch ohne Reiseführer. In diesem Augenblick, in dem ich diese Zeilen schreibe, habe ich immer noch kein Internet, d.h., dass wir diese Infos ohne zusätzliche Recherche im Land selber erfahren haben. Die Zeit in Eritrea stellte eine komplette Internet-Null-Diät dar, die uns sehr gutgetan hat. Wir genossen die fehlende Kommunikation nach aussen, ohne die schrecklichen Kriegsnachrichten, dafür aber mehr Zeit, sich dem Land selbst zu widmen.

Ein Fehler von uns war es, nicht genügend Bargeld mitzunehmen. Einerseits hatten wir nicht mit den hohen Hotelkosten gerechnet und anderseits nicht mit den Kosten für einen Leihwagen. Uns war bei Reiseantritt nicht bewusst, dass es wirklich unmöglich ist, sich im Land zusätzliches Geld per Karte zu besorgen.

Für uns war eine Woche intensive Reise im Land ausreichend. Jedoch bilden wir diesbezüglich keinen Massstab, da wir unsere Reisen mit doppelter Geschwindigkeit durchführen, als ein durchschnittlicher Tourist. Für zwei Wochen bietet der bereisbare Landesteil auf jeden Fall genügend zu sehen. Zusätzlich können noch ein paar Tage auf dem Dahlak-Archipel verbracht werden, was wir trotz Reisegenehmigung aus Geldmangel unterliessen.

Eritreische Flagge in Keren

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